Opa und das Leben mit den Karpfen- eine Weihnachtsgeschichte mit Demenz

Heilig Abend geht man in die Kirche

Natürlich wird bei uns Heilig Abend ganz klassisch gefeiert. Opa sagt: „An Weihnachten geht man in die Kirche. Das war schon immer so.“ Wegen seiner Demenzerkrankung weiß er nicht, wo er vor fünf Minuten seine Schuhe hingestellt hat, aber was früher war… da macht ihm keiner was vor. Noch.

Die Christmette am Abend dauert dann doch schon etwas zu lange. Das lange Sitzen und die lange Konzentrationsspanne und die vielen Leute wären natürlich gar kein Problem, aber … er muss sich ja jetzt um seine Enkel kümmern und mit denen in den kurzen, viel lockereren Familiengottesdienst am Nachmittag gehen. Die Kleinen wären doch enttäuscht, wenn der Opa nicht mitgeht. Genau. Eine schöne Lösung für alle!

Warum Oma immer auf das Christkind warten muss

Zurück zu Hause…
Mist, wieder das Christkind verpasst. Gut, dass Oma während der Kirche zu Hause geblieben ist und – neben ein bisschen Zeit für sich – auch noch gleich das Christkind herein lassen konnte. So stehen rechtzeitig für alle die Geschenke unter dem Baum.

Dann sitzt Opa erstmal auf seinem gewohnten Platz am Familientisch. Er ist ruhig. Beobachtet die Kinder beim Geschenke auspacken. Wir sind eine sehr kleine Familie, aber seine zwei Enkelinnen sorgen trotzdem ganz gut für Wirbel. Opa bleibt gelassen. Erzählt mal kurz zum dritten Mal, was da wieder für ein Verkehr auf dem Weg zu uns war. Oma ist gefahren. Das hoffe ich zumindest. Opa beobachtet wieder die Kinder. So richtig Notiz nimmt von ihm gerade keiner.

Jetzt wird erstmal gegessen

Als das Essen auf den Tisch kommt, kommt auch wieder Bewegung in Opa, er plaudert los. „Saure Zipfel“ gibt es. Die mag er. Mit vielen Zwiebeln. Aber früher gab es immer Karpfen an Weihnachten. In der Gaststätte seiner Eltern saß er als Kind oft stundenlang vor dem Karpfenbecken und hat sie angesehen. Nur was er gar nicht mag sind Erdbeeren. Darauf ist er allergisch…. und so geht es weiter und weiter und der Opa hört gar nicht mehr auf zu reden. Bis die Bratäpfel vor ihm stehen. Dann ist er wieder ruhig. Und zufrieden. Die mag er nämlich auch sehr gerne. Und zwar genau so, wie seine Schwiegertochter (das bin dann ich) sie macht.

Nach einem oder zwei Gläschen Wein fährt mein Mann Oma und Opa nach Hause. Das wäre natürlich nicht nötig gewesen. Das können sie beide (!) doch noch selbst.

Aber am Ende sind wir darüber doch alle froh. Darüber das alle sicher heimgekommen sind und über ein weiteres schönes gemeinsames Weihnachten.

Besser wird es nicht mehr mit dem Opa. Was uns dieses Jahr an Weihnachten erwartet? Wir wissen es nicht. Aber wir können uns vorbereiten. Wie? Das lest ihr hier.

Erinnerungen sind vielfältig

Die Weihnachtszeit ruft viele Erinnerungen wach, alle Sinne werden angesprochen. Der leuchtende Baum, der Duft nach Bratäpfeln, das Weihnachtslied aus der Kindheit.

Es ist Familienzeit und die Möglichkeit für Pflegende und Gepflegte sich von den Strapazen des Jahres zu erholen. Eine perfekte Gelegenheit mit einem demenzkranken Familienmitglied etwas Biographiearbeit und Erinnerungspflege zu betreiben. Diese sind von enormer Bedeutung und sorgen für:

  • Die Stärkung der Identität
  • Die Wahrung des Selbstbildes
  • Das Erleben von Zugehörigkeit
  • Die Unterstützung des Wohlbefindens

Ein Weihnachten für alle

Am Ende ist weniger mal wieder mehr. Ein zu volles Programm, zu viel weihnachtliches Tohuwabohu und vor allem zu hohe Erwartungen sind eher kontraproduktiv. Lieber ein paar wenige Ideen aufgreifen und diese mit viel Ruhe umsetzen. Das kann z.B. sein:

  • Gemeinsames Schmücken, einbeziehen des Angehörigen mit Demenz
  • Schmücken der Wohnung wie in den alten Zeiten, alternativ kann man auch das Zimmer im Pflegeheim festlich dekorieren
  • Gemeinsam basteln
  • Singen von bekannten Liedern
  • Lesen bekannter Weihnachtsgeschichten

Je nach Stadium der Erkrankung ist es sinnvoll, dass die Familienmitglieder sich schichtweise damit abwechseln dem Betroffenen zur Seite zu stehen. So hat jeder etwas von dem Fest und böse Überraschungen, wie davonlaufen, der Versuch den Baum abzuschmücken oder ein Durcheinander durch gutgemeinte Hilfe in der Küche, können vermieden werden.

Nein, das Christkind hat den Opa nicht vergessen

Natürlich ist ein Geschenk auch für Betroffene sinnvoll! Das richtige Geschenk könnte sein:

  • ein gemeinsamer Besuch von bekannten Orten
  • ein Fotoalbum mit Bildern aus unterschiedlichen Lebensphasen des Beschenkten
  • Geschenke, die an Interessen des Beschenkten anknüpfen, dabei ist es wichtig das Stadium der Demenz bedenken

Beachtet man ein paar kleine Dinge, wird es für alle ein harmonisches Weihnachten!

Die besten Wünsche

Und jetzt bleibt uns vor den Feiertagen nur noch eines: Wir wünschen allen ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest im Kreis der Liebsten und viel Kraft und Liebe für das kommende Jahr!

Vielen Dank für das Lesen unseres Blogs, auch im neuen Jahr arbeiten wir an interessanten Beiträgen rund um das Thema Pflege.

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Autorin: Petra Schindlbeck
Betroffene Tochter, Schwiegertochter und Enkelin
Coach für Marketing und Vertrieb bei der MOIO GmbH

Mehr Inspiration zum Thema:

Alzheimerpunktch (2016).
Weihnachten mit Menschen mit Demenz: Weniger ist mehr.

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. (2013).
Weihnachten mit einem demenzkranken Angehörigen – Tipps vom Alzheimer-Telefon.

MAS Alzheimerhilfe (2015).
Adventszeit und Weihnachten mit Menschen mit Demenz feiern.

Mielke, L. (2017).
Auch Demenzkranke freuen sich über Weihnachtsgeschenke.

1 thought on “Opa und das Leben mit den Karpfen- eine Weihnachtsgeschichte mit Demenz

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