Hinlauftendenzen oder: das sagt die Forschung zum Bewegungsdrang bei Menschen mit Demenz.

Knapp 1,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden im Jahr 2018 an Demenz. Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Mit 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr steigt deren Zahl aufgrund demografischer Entwicklungen kontinuierlich an.

Hinlaufen, Weglaufen, Spazierengehen, Verirren… weg ist weg.

Je nach Krankheitsstadium sind die Betroffenen im Alltag deutlich beeinträchtigt bis stark pflegebedürftig. In frühen Stadien geht mit der Erkrankung häufig ein ausgeprägter Bewegungsdrang einher. Nicht selten kann man sogenannte Hinlauftendenzen beobachten. Aber was bedeutet das eigentlich?
Mit dem Begriff der Hinlauftendenz ist der Drang demenzerkrankter Personen gemeint, Menschen und Orte aufzusuchen, die ihr Langzeitgedächtnis als Heimat gespeichert hat.
Wir erinnern uns an den Opa, der nicht mehr wusste, was er vor dem Bäcker soll, aber sich an zu Hause erinnert hat. Er ist also nicht weg, sondern hin gelaufen.

In den letzten Jahren häufen sich die Berichte von abgängigen Patienten oder dementiell veränderten Personen. Dies stellt ein großes Problem in der häuslichen und professionellen Pflege dar und besonders in der kalten Jahreszeit kann dies schnell zu einer ernsthaften Gefährdung der Erkrankten führen.
Oder der dazugehörigen Oma, die dann allein nach Hause laufen muss, wenn der Opa das Auto mitgenommen hat.
Die Ungewissheit über den Verbleib einer dementiell veränderten Person wiegt schwer. Bewegungsdrang bedeutet nicht automatisch Weglaufen oder Flucht. Es wird, je nach Ursache, unterschieden zwischen dem Weglaufen, dem Hinlaufen zu einem gegebenenfalls imaginären Ziel, dem Spazierengehen oder dem Verirren.
Aber weg ist weg.

Woran erkenne ich eine Hinlauftendenz?

Die Tendenz zum Hinlaufen kann ausgelöst werden, wenn die Person eine konkrete Situation in der Vergangenheit durchlebt. Durch welche beispielhaften Symptome eine Hinlauftendenz erkannt werden kann, wird im Folgenden kurz aufgelistet.

  • Der Betroffene hat ein klares Ziel. Er will z.B. die Oma finden.
  • Die Person hat es eilig und wirkt gehetzt.
  • Aussagen, wie: “Ich darf nicht zu spät kommen“, werden ständig wiederholt.
  • Der Betroffene wähnt sich an einem anderen Ort oder in einer anderen Lebensphase.

Was bedeutet das für die verantwortlichen Pflegenden?

In den meisten Fällen möchte der Erkrankte zum Beispiel sein früheres Zuhause oder eine alte Arbeitsstätte aufsuchen. Oftmals passiert das in den ersten Tagen nach dem Umzug in eine Pflegeeinrichtung. Aber auch bei der Pflege zuhause kommt es vermehrt zu ungewollten Spaziergängen der Demenzkranken. Pflegebedürftige, welche sich auf Wanderschaft begeben, sollten immer in einem ruhigen und respektvollen Ton angesprochen werden. Ist das nötige Vertrauen aufgebaut, kann Ihnen Hilfe angeboten werden, die Person nach Hause bzw. in die Pflegeeinrichtung zurück zu begleiten. Wichtig hierbei ist es, langsam zu sprechen und dem Demenzkranken ausreichend Zeit zum Antworten zu lassen.

Welche Vorkehrungen können Pflegenden treffen?

Geeignete Gegenmaßnahmen sind schwer zu finden, da man meist die Bewegungsfreiheit der an Demenz erkrankten Personen nicht noch mehr einschränken möchte. Was auf den ersten Blick hilfreich erscheint, ist oft ein Einschnitt in deren Recht auf Bewegungsfreiheit und bedarf in Fällen von stationärer Unterbringung einer richterlichen Genehmigung.

Ein Einschnitt in die Bewegungsfreiheit von Demenzkranken steht auch im Gegensatz zu einem zentralen Aspekt im Rahmen gesundheitlicher Präventionen von pflegebedürftigen Menschen: der Bewegungsförderung. Laufen ist gesund.

Um in einem Ernstfall dennoch schnell handeln zu können, gibt es einige Vorkehrungen, die getroffen werden können. Eine mögliche Vorkehrung ist das Erstellen einer Liste aller möglichen Orte, an denen sich der Betroffene in der Einrichtung, dem Zuhause und der Umgebung aufhalten könnte, um diese ggf. strukturiert absuchen zu können. Also etwa seinem alten Wohnort, Lieblingscafé, Gastwirtschaft oder Adressen von Freunden. Des Weiteren sollte der Betroffene stets alle relevanten Daten bei sich tragen, beispielsweise mittels eingenähten Schildes oder einer SOS-Kette. Insbesondere der Name, Telefonnummer und Adresse der Einrichtung oder der Heimatadresse, sowie medizinische Besonderheiten des Demenzkranken sollten darauf zu finden sein. Die Dokumentation der Bekleidung kann bei der Suche des Demenzkranken ebenfalls hilfreich sein. Sofern möglich, kann mit den betroffenen Personen für einen Ernstfall das richtige Verhalten, beispielsweise das Betätigen der Notruffunktion öffentlicher Telefone oder das Herbeirufen von Hilfe, trainiert werden. Trotz getroffener Vorkehrungen ist die Unsicherheit meist groß. Vor allem bei extremen Temperaturen oder bei Personen mit therapiebedürftigen Erkrankungen, wie z.B. Diabetes, ist eine kurze Suche das Ziel.

Entlastung durch unterstützende Technologien: gibt es dafür denn keine App?

Eine weitere Unterstützung können sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen bieten. Diese ermöglichen beispielsweise die aktive Ortung über GPS und das Einrichten von virtuellen Zonen. Durch letztere ist es möglich „erlaubte Aufenthaltsbereiche“ festzulegen. Verlässt der Gepflegte diese, schlägt eine Nachricht, zum Beispiel auf einer App des Pflegenden auf.

Auf Seiten der Pflegenden bedeutet dies vor allem eines: Entlastung. Kurze Unaufmerksamkeiten oder das Erledigen anderer Aufgaben stellen mithilfe derartiger Technologien kein Problem mehr dar. Dies bedeutet aber auch, dass den pflegebedürftigen Personen wieder mehr Bewegungsfreiraum gegeben werden kann. Spaziergänge innerhalb der Einrichtung, dem Zuhause oder der Umgebung können ohne eine Aufsicht unternommen werden. Demenzkranke können dadurch ihren Bewegungsdrang ausleben, ohne dabei in ständiger Begleitung einer Pflegekraft oder eines pflegenden Angehörigen zu sein. Damit ist es möglich den Erhalt der Lebensqualität von Demenzkranken zu unterstützen. Somit werden nicht nur die Bedürfnisse der Pflegenden, sondern auch die der Pflegebedürftigen berücksichtigt.

Autorin: Janine Krappmann
Produktentwicklung und Vertrieb bei der MOIO GmbH

Autorin: Natalie Heckel
Marketing und Kommunikation bei der MOIO GmbH

Quellen

1 thought on “Hinlauftendenzen oder: das sagt die Forschung zum Bewegungsdrang bei Menschen mit Demenz.

  1. Pingback: Stürze im Alter: wie kann man vorbeugen? | moio.blog

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.